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Reinhard Bütikofer in Neckargemünd

Reinhard Bütikofer mit Petra Groesser und Hermino Katzenstein (Grüne Neckargemünd), Foto:Alex

Bericht in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 13.05.2009

Schwergewicht geht nach Europa

Der Spitzen-Grüne Reinhard Bütikofer ist ein Kind der Metropolregion und will jetzt nach Brüssel

Von Kirsten Baumbusch
Neckargemünd.

In Mannheim geboren, in Speyer aufgewachsen, in Heidelberg studiert und die politische Karriere begonnen, in Stuttgart den Landtag aufgemischt, nach Berlin gezogen und dort sechs Jahre lang die Grünen als Bundesvorsitzender auf einen „realistisch, ökologischen Kurs der linken Mitte“ gebracht: So liest sich die Vita von Reinhard Bütikofer in Kurzform.

Dass so jemand auf die internationale Bühne strebt, kann nicht verwundern. Eine „alte Liebe“ sei es, dieses Europa, sagt der Vater dreier Töchter, die alle im Rhein-Neckar-Kreis leben, im RNZ-Gespräch. Schließlich habe es seit dem Ende des Römischen Reiches keine so lange Phase des Friedens in der Region gegeben wie durch den Staatenbund.

Um seinen 56. Geburtstag herum im Januar, hat ihn seine Partei auf den Schild gehoben. Auf Platz 2 der Europaliste von Bündnis 90/Die Grünen werden seine neuen Arbeitsplätze nach dem 7. Juni höchstwahrscheinlich Brüssel und Straßburg sein.

Dort wird er mit Verve betreiben, was er schon seinen Anhängern beim Besuch in Neckargemünd verkündet hat: „Es ist Zeit für den Green New Deal“. Das ist ein Konzept der „Grünen Marktwirtschaft“, bei der nicht nur die Finanzmärkte reguliert und die Armut bekämpft werden sowie der Staat in der Wirtschaft eine wieder aktivere Rolle einnehmen sollen. Nein, es gilt laut Bütikofer, auch Konsequenzen daraus zu ziehen, dass die Klimakatastrophe in der Wirtschaftskrise keine Pause macht.

Es sind die eingängigen Rechenbeispiele, die ihm schon als Heidelberger Gemeinderat und später als Landtagsabgeordneter Respekt bis tief in die Reihen der Opposition eintrugen. Wenn er sagt, dass von jedem verheizten Euro 60 Prozent die Umwelt erwärmen, weil Altbauten immer noch nicht saniert sind, hat das Hand und Fuß. Wäre hier die Summe der Abwrackprämie investiert worden, dann hätten 100 000 Arbeitsplätze entstehen können. „Handwerk hat grünen Boden“, mit solchen Sätzen erntet der Sohn eines Postbeamten und einer Hausfrau bis weit in den Mittelstand hinein Applaus.

Und genau hier hat laut Bütikofer auch Europa seine Chance. „Diese Ebene ist so wichtig wie noch nie“, sagt er. Klar sei für jüngere Menschen wie seine Kinder Binnenmarkt, Freizügigkeit oder Studieren im Ausland selbstverständlich. „Aber es gibt keinen historischen Automatismus“, mahnt er. Das hat ihn nicht zuletzt sein Studium der Philosophie, Sinologie und Geschichte gelehrt. Die Bürger dürften durchaus stolz sein auf das Erreichte. Aber wenn Europa als Gebilde nicht wertgeschätzt und weiterentwickelt werde, dann drohe ein Rückfall in die Abschottung.

Umso besser gefällt dem mittlerweile in Nadelstreifen gewandeten Grünen das Konzept der europäischen Metropolregion Rhein-Neckar. „Das finde ich richtig gut“, schwärmt er von seiner Heimat und strahlt über beide Backen. Die „elenden Anstrengungen“ früherer Jahre, wenn es darum ging, die Rivalitäten von Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen in Schach zu halten und gemeinsam an einem Strang zu ziehen, sind ihm lebhaft in Erinnerung. Dass seine Partei hier mit Franziska Brantner eine einzige Kandidatin ins Rennen schickt und die auch noch prima Aussichten hat, mit ihm ins Europaparlament einzuziehen, gefällt dem politischen Schwergewicht ausnehmend gut.

Bei seiner Wahlkampftour, die ihn nach Neckargemünd führte („die waren einfach schnell“), hat er Aufbruchstimmung bemerkt. „Dass Europa wichtig ist“, sei angekommen. Jetzt, so Bütikofer, müsse nur noch klar werden, dass es dann auch wichtig sei, zur Wahl zu gehen. Denn obwohl Richtungsstreit nicht so ausgeprägt sei wie im Nationalen, auch in Europa entscheiden Mehrheiten darüber, welche Politik gemacht wird.