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Landschaftsverbrauch und (k)ein Ende?

Zur Freude des Mühlhäuser Ortsverbandes von Bündnis90/Die Grünen stieß die Veranstaltung „Landschaftsverbrauch und (k)ein Ende?“ in Rettigheim auf große Resonanz der Bürgerinnen und Bürger. Nach der Begrüßung und Einführung in die lokale Siedlungs- und Bevölkerungsentwicklung durch Dr. Gerhard Welker und Dr. Bernhard Drabant vom grünen Ortsverband Mühlhausen, hielt der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes NABU, Dr. Andre Baumann ein eindrucksvolles Referat zum Thema „Wie viel Flächenverbrauch können wir uns noch leisten?“

Baumann begann mit der Feststellung: Jeden Tag (!!!) werden allein in Baden-Württemberg 6,4 Hektar Fläche neu versiegelt. Damit ist die Realität noch meilenweit entfernt vom sog. Netto-Null-Flächenverbrauchsziel, das der frühere Ministerpräsident Oettinger bereits vor einigen Jahren formuliert hatte. Baumann bekräftigte die Richtigkeit des Netto-Null-Ziels, das bedeutet, dass für jeden neu versiegelten Quadratmeter an anderer Stelle eine entsprechende Fläche entsiegelt werden muss. Dies ist nicht nur wichtig für den Naturschutz, sondern auch aus rein wirtschaftlicher Sicht ratsam. Am Beispiel einer Wirtschaftlichkeitsstudie, die die Stadt Marbach in Auftrag gegeben hat, zeigte Baumann, dass das Szenario ohne neuen Flächenverbrauch für die Stadt mit weitem Abstand das wirtschaftlichste Szenario ist. Denn anfänglichen Gewinnen aus Verkaufserlösen neuer Bau- und Gewerbegebiete stehen langfristig enorme finanzielle Aufwendungen gegenüber, um die geschaffene Infrastruktur zu erhalten. 

Viele Städte und Gemeinden versuchen sinkenden Bevölkerungszahlen aufgrund des demographischen Wandels durch Ausweisung neuer Baugebiete entgegen zu steuern. Alle ernst zu nehmenden Bevölkerungsprognosen sagen attraktiven Städten wie Heidelberg und Karlsruhe weiterhin steigende Einwohnerzahlen voraus, während die Bevölkerungszahl im ländlichen Raum sinken wird. Falsche Investitionsentscheidungen können dann zum Bumerang werden, wenn zukünftig mehr Infrastruktur von weniger Einwohnern finanziert werden muss.

Einen weiteren Blick in die Zukunft wagte Baumann beim Thema Wasserversorgung: Der Klimawandel wird unserer Region wahrscheinlich Temperaturen bescheren, die heute in Rom gemessen werden. Wasser wird dann auch bei uns ein begrenztes Gut werden. Um den Wasserhaushalt zu stabilisieren, sind ausreichend unversiegelte Flächen unverzichtbar.

Zum Schluss seines Referats kam Baumann noch einmal zurück auf die Politik zu sprechen: Der grün-roten Landesregierung attestierte Baumann Realitätssinn im Umgang mit dem Thema. Während die frühere Umweltministerin Gönner einen Rückgang des täglichen Flächenverbrauchs als Erfolg der Regierung verkaufte, erklärt der grüne Umweltminister Untersteller, dass der Rückgang des Flächenverbrauchs nur der abgeflauten Konjunktur geschuldet ist. Also kein Grund zur Entwarnung.

In der anschließenden Diskussion erläuterte Baumann, dass es viele Stellschrauben der Politik gibt, um den Flächenverbrauch zu begrenzen: Gewerbegebiete auf bereits versiegelten Flächen müssen für Investoren durch steuerliche Anreize attraktiver sein, als der Neubau auf der grünen Wiese. Dasselbe gilt für den Wohnungsmarkt. Es muss gelten: Innenverdichtung vor Außenzersiedelung. Hier kommt den Kommunen eine zentrale Rolle zu: Aktive Gemeindeverwaltungen versuchen Immobilieninteressenten mit potentiellen Verkäufern, oft auch Erbengemeinschaften, in Kontakt zu bringen. Kooperation statt Konkurrenz zwischen Nachbargemeinden heißt das neue Erfolgsmodell.

Zum Abschluss der Diskussion wies Baumann auf die mancherorten praktizierte Zweckentfremdung sog. Ausgleichsmaßnahmen hin. Da es bisher keinerlei Kontrolle gibt, was langfristig mit Ausgleichsmaßnahmen geschieht, plant der NABU, die Ausgleichsmaßnahmen im Land zu erfassen und zu kontrollieren. Wie heißt es so schön: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Landschaftsverbrauch und (k)ein Ende?

Wie viel Flächenverbrauch können wir uns noch leisten?

mit Dr. Andre Baumann, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes NABU

Montag, 10. Dezember 2012 um 19:30 Uhr in Mühlhausen-Rettigheim

Gemeindezentrum St. Nikolaus, Malscher Straße 14

Die Ortsverbände von Bündnis90/Die Grünen in Mühlhausen und Malsch laden alle interessierten Bürger zu einer öffentlichen Veranstaltung am Montag, den 10. Dezember 2012, ab 19.30 Uhr ins Gemeindezentrum St. Nikolaus in Rettigheim ein. Dr. Andre Baumann, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes NABU, wird über die Frage referieren, wie viel Flächenverbrauch wir uns noch leisten können.

Täglich werden rund 95 Hektar oder 135 Fußballfelder freie Fläche in Deutschland verbaut und zersiedelt. Natürlich versprechen alle Parteien langfristig diesen Trend zu stoppen. Bereits der frühere Ministerpräsident Oettinger formulierte das sogenannte Netto-Null-Ziel für den Flächenvervrauch. Aber wie sieht die tatsächliche Entwicklung aus? Wie geht die grün-rote Landesregierung mit dem Thema um?

Am Beispiel der Gemeinden Mühlhausen, Rettigheim und Malsch wird gezeigt, wie die Siedlungs- und Verkehrsflächen über die vergangenen Jahrzehnte zugenommen haben und welche Erweiterungen laut Regionalplan 2020 vorgesehen sind. Welche Probleme und Chancen ergeben sich aus neuen Siedlungsgebieten? Wie wird die zukünftige Entwicklung der Bevölkerung und des Arbeitsmarktes sowie der Abzug der US-Armee den Wohnungsmarkt beeinflussen? Wie können Leerstand und freie Bauflächen in innerörtlichen Wohngebieten vermieden werden und damit die Infrastruktur auch in Zukunft bezahlbar bleiben?

Im Anschluss an den Vortrag werden sich Dr. Baumann und der grüne Landtagsabgeordnete Dr. Kai Schmidt-Eisenlohr den Fragen des Publikums stellen.